Leben in einer Sekunde.

am

Heute haben wir erfahren, dass ein guter Freund von meinem Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Er hinterlässt eine Frau und einen 2-jährigen Sohn. Ich kannte ihn nicht persönlich. Um ehrlich zu sein, hatte mein Mann auch noch nie wirklich über ihn gesprochen, aber er war sichtlich betroffen. In den letzten Jahren hatten sie nicht mehr viel Kontakt gehabt, besonders nachdem mein Mann nach Deutschland gezogen ist. Trotzdem, so sagt er, war er immer ein guter Freund gewesen und in alten Zeiten hatten sie jeden Tag miteinander gebracht. Dann, irgendwann, hat mein Mann sich nach einer persönlichen schweren Zeit zurückgezogen, nachdem ihre Wege irgendwie andere Richtungen einschlugen und der Kontakt war langsam aber stetig abgefallen. Die Nachricht über den Tod seines damaligen guten Freundes hat ihn heute wirklich stark getroffen. „Er war mir immer ein guter Freund gewesen, weißt du“, sagte er zu mir und scrollte am Handy durch alte Fotos, „und jetzt ist er einfach fort. Für immer fort.“

Vor einigen Jahren hatte auch eine meiner guten Freundinnen einen Autounfall. Sie war auf dem Heimweg von einer Landstraße abgekommen, aus Gründen, die bis heute keiner weiß. Sie rammte frontal ein anderes Auto. Dabei starb eine Person und eine weitere wurde schwer verletzt. Sie selber lag über ein halbes Jahr im Koma und erwachte schließlich als ein völlig fremder Mensch. Sie konnte nicht mehr sprechen, sich nicht regen, nicht laufen, anfangs sogar nicht selber essen. Es war grauenhaft. Man kommt sich so hilflos vor. Hat sie einen erkannt oder weiß sie noch, wie viel Zeit wir zusammen verbracht haben? Wie viel Spaß wir immer hatten und dass wir uns alle gegenseitig zu unseren Hochzeiten besuchen wollten?

Ich habe im letzten Winter geheiratet und sie war nicht dabei. Sie hat sich nie von dem Unfall erholt und auch ich habe den Kontakt schleifen lassen, war zu sehr mit mir und meinem eigenen Leben beschäftigt. Klar habe ich mir eingeredet, sie wohne weit weg und es gäbe eh nicht viel was ich tun könne. Aber es gab doch einmal eine Zeit, in der wir zusammen in den USA gelebt haben und jeden Tag miteinander verbracht haben, in der wir einander so wichtig gewesen waren. Und jetzt? Jetzt erfahre ich von einer anderen Freundin, dass es ihr schlechter geht, sie keine Kraft mehr hat und ihre Familie glaubt, dass sie endgültig nach all dieser Zeit nicht mehr will. Ich habe immer fest geglaubt, dass sie noch da drinsteckt, gefangen in ihrer eigenen Hülle, aber niemand, nicht einmal die Ärzte, sind sich dessen sicher.

Wir Menschen haben eine seltsame Eigenschaft und wir verstecken sie hinter Sprüchen wie „aus den Augen, aus dem Sinn“ und erhoffen, dass wir es damit rechtfertigen können. Aber können wir das? Ist es wirklich der Fall, dass wir die Dinge und Personen vergessen, sobald sie nicht mehr direkt vor uns sitzen? Diese zwei tragischen Ereignisse lassen mich fest daran glauben! Wir Menschen vergessen und verdrängen so vieles, eben weil wir nicht wollen, dass es uns verletzt oder zu nah an uns herankommt. Es macht uns schwach und wir konzentrieren uns lieber auf die Dinge, die direkt vor unserer Nase passieren. Bis wir dann, eines Tages, von der Vergangenheit konfrontiert und schlichtweg überrollt werden. Und da ist es wieder, dieses beklemmende Gefühl, das sich langsam zurück in unsere Köpfe schleicht und unaufhaltsam klopft und pocht. Das Gefühl der Schuld. „Ach hätte ich mich doch noch einmal gemeldet und gesagt wie wichtig du mir bist“ oder „Hätte ich mich öfters bei dir gemeldet, dann wären wir nicht so auseinander gedriftet“ oder „Wäre ich dir ein besserer Freund gewesen, als ich es noch konnte“… Aber nein, wir können diese Sätze nicht mehr aussprechen, wir können sie nicht mehr in das Gesicht des anderen sagen und wir können dieses Gefühl nicht mehr von uns abschütteln. Denn die Vergangenheit ist nicht mehr zu ändern. Wir können nur beeinflussen, was wir zukünftig damit machen wollen.

Das Leben kann von einer Sekunde auf die andere einfach vorbei sein. Ein einziger Augenblick kann dir den kompletten Boden unter den Füßen wegreißen und dein Leben dermaßen auf den Kopf stellen, dass nichts mehr so ist wie zuvor. Und ja, es macht unendlich Angst, aber es ist okay ängstlich zu sein und es ist okay, Gesagtes oder Ungesagtes zu bereuen. Wir sollten niemals vergessen, dass das Leben kurz sein kann und dass wir – so klischeehaft es klingt – nur dieses eine Leben haben. Also rufe noch heute deine Freundin hat, die du schon seit Monaten nicht mehr gesprochen hast. Schicke dem Freund, den du schon viermal abgesagt hast, einfach noch einen neuen Terminvorschlag. Besuche deine Eltern und nehme sie ganz lange in den Arm, solange du noch die Möglichkeit dazu hast. Das Leben ist zu kostbar und wir leider oft zu undankbar. Wir jammern oft auf hohem Niveau und vergessen manchmal wie gut wir es doch haben. Wir wachen jeden Morgen auf, bestenfalls gesund, mit einem Dach über den Kopf, Essen im Kühlschrank, vielleicht mit einem Ehepartner oder als glücklicher Single, vielleicht mit Kindern oder Haustieren, mit einem Job, einem Auto oder was auch immer wir uns in unser Leben geholt haben. Lasst uns einfach dankbar sein für das Leben, das wir haben. Dankbar für diesen Augenblick, für diesen einen kostbaren Moment, denn gleich ist genau dieser schon wieder vorbei und das wahre Leben wartet auf uns da draußen.


In diesem Sinne,

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. madeinheaven1 sagt:

    Es sind solche Ereignisse, die uns wachrütteln.
    Bei mir war es der Tod von Freddie Mercury. Ich wollte immer auf ein Queen Konzert und habe es immer wieder verschoben. Dann starb er und nix war mehr.
    Ab diesem Zeitpunkt schwor ich mir, dass ich auf jedes Konzert gehe,auf das ich will. Dadurch habe ich 2x Meat Loaf live gesehen. War bei Lionell Ritchie und habe sogar Mr. MUSIC John Miles live gesehen.
    Quintessenz: Was man machen möchte, sollte man machen. Jetzt, denn vielleicht ist es morgen zu spät. Egal ob in Sachen Konzerte, oder alles andere.

    Liken

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