Die Entschleunigung

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Sind wir doch mal ehrlich. Seitdem wir Corona-bedingt alle zu Hause gewesen sind, hat sich unser Leben doch irgendwie geändert. Ich finde, wir sind allesamt dadurch richtig entschleunigt worden. Viel zu lange ist unser Leben in Momentaufnahmen an uns vorbeigerauscht und viel zu lange haben wir es alle gewusst, aber nie ausgesprochen. Denn wenn man die Dinge nicht ausspricht, dann sind sie nicht wahr, oder?

Man kann dieser ganzen Pandemie also eine Menge Dinge nachsagen, aber meine Rastlosigkeit habe ich dadurch ordentlich verlangsamt. Ich habe extrem viel Zeit dazugewonnen. Zeit, die ich endlich wieder zum Schreiben nutzen konnte. Zeit, die ich zu Hause verbringen konnte, ohne gestresst von einem Termin oder einer Veranstaltung zur nächsten zu rennen. Ich konnte meinen Hobbies nachgehen; habe viel gepuzzelt, Bücher gehört und gelesen, Serien aufgeholt, die Wohnung auf Vordermann gebracht. Ich habe Zeit mit meinen Fellnasen verbringen können, was diese unendlich genossen haben (und ich auch) und natürlich ganz vorne an Quality Time mit meinem Ehemann – und das alles zu Hause.

Ich bin unheimlich gerne zu Hause. Dafür haben wir auch eine schöne große Wohnung, eben weil wir gerne zu Hause sind. Klar, ich habe nichts dagegen auch Dinge zu unternehmen, Freunde und Familie zu treffen und besonders reisen zu gehen, aber in der ganzen Quarantäne-Zeit war ich einfach wirklich froh, eine Wohnung zu haben, in der man sich so wohl fühlen kann. Wir Menschen haben leider die schlechte Angewohnheit auf ganz hohem Niveau zu jammern. Wie ich es gehasst habe, die Kommentare von Menschen, die rumgeheult haben, dass sie jetzt wochenlang zu Hause bleiben müssen. Es war und ist wirklich nicht viel verlangt. Wenigstens hatten wir keinen Krieg und hatten alle noch ein zu Hause, in dem wir bleiben konnten. Wenigstens hatten wir genug zu essen, zu trinken und um Gottes Willen genug Toilettenpapier! Manchen Menschen kann man es einfach nicht recht machen.

Aber zurück zu dem Entschleunigen. Endlich wieder atmen können. Erging es euch nicht auch so? Keinen Stress, keinen Druck, einfach atmen. Egal, ob ich nachmittags noch im Schlafanzug dasitze oder den ganzen Tag Netflix geschaut habe. Egal, ob ich mir morgens ne Pizza in den Ofen geschoben habe und mir abends eine neue bestellt habe. Egal, ob ich in meinem Teams-Meeting das gleiche Shirt trug, das ich gestern schon anhatte. Es hat einfach niemanden interessiert.

Tatsächlich ist das auch ein Phänomen. In dieser Zeit hat man stark gemerkt, wer wirklich wichtig im Leben ist und auf wen man zählen kann. Anfangs hat man noch viele Nachrichten, Anrufe, etc. bekommen. Wie geht es dir? Ja, Hauptsache gesund und dir? Mit jedem Tag, der verstrich, vergingen auch immer mehr diese Nachrichten und Anrufe. Ich will mich nicht davon freisprechen. Sicherlich habe ich mich auch nicht bei jedem zurückgemeldet, aber genau darum geht es hier doch. Man erkennt für sich selber, wer einem in dieser Zeit wichtig ist, wer dein wahrer Freund ist. Und das ist das Phänomen, das sich schon immer in der Menschheit widergespiegelt hat: in schlechten Zeiten erkennt man, wer wirklich zu einem steht. Und ja, mir ist bewusst, dass wir alle im gleichen Boot gesessen haben und womöglich alle immer noch sitzen, aber trotzdem irgendwas ist einfach anders. Auch jetzt, wo es wieder einigermaßen in eine altbekannte Richtung geht – ich wähle bewusst nicht das Wort normal, denn normal wird es sicherlich eine ganz lange Zeit nicht mehr sein und unser altes Normal wird es in der Form auch nicht mehr geben – sind diese Gedanken noch stets im Hinterkopf und werden nicht vergessen. Nach wie vor hat man sich ein wenig distanziert, hält den Abstand und hat eventuell realisiert, dass diese Erkenntnis eigentlich nichts Schlechtes hat. Im Gegenteil, man stresst sich weniger, eben weil dieser Druck nicht mehr da ist, weil diese Person einfach nicht mehr diesen Stellenwert hat, von dem man vorher geglaubt habt, dass sie ihn hätte. Irgendwie befreiend oder nicht?

Atmen. Ein und aus. Ich habe viele Dinge für mich klar gemacht in dieser Zeit. Viele Lebensziele neu gesteckt. Viele Erkenntnisse gewonnen. Viele Träume neu definiert. Die Entschleunigung hat mir gut getan. Sie hat meinen Fokus neu gesetzt, mich wachgerüttelt aus meinem falschen, faken Tiefschlaf. Mich aus meiner Friede-Freude-Eierkuchen-Welt gerissen und die Puzzleteile neu geformt. Meine Augen sind weit geöffnet und meine Gedanken endlich sortiert.

Es war wie eine kurze Auszeit vom Leben. So, als ob jemand den Pause-Button auf meiner Fernbedienung gedrückt hätte. Ich habe nicht vorgespult und auch nicht zurück. Ich habe verweilt, mich ausgeruht und irgendwie zu einer anderen Version von mir gefunden.

Eines meiner Projekte ist dieser Blog und die damit verbundene Webseite, sowie mein Podcast Nachts sind alle Katzen grau. Ich habe viel daran gearbeitet die letzten Wochen und Monate. Habe Ideen gesammelt, Sachen aufgeschrieben, umgeschrieben, ausgeschrieben, neu geschrieben. Texte eingesprochen und ihnen Leben eingehaucht. Ich freue mich wirklich die Sachen in den kommenden Wochen teilen zu können. Es steckt viel Arbeit und Herzblut in diesem Projekt, aber ohne die Entschleunigung hätte ich den Weg hierhin vielleicht gar nicht erst gefunden.

In diesem Sinne,

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. madeinheaven1 sagt:

    Schön für dich, dass du entschleunigt bist. Ich für mich kann das nicht sagen. Bin weiterhin zur Arbeit gegangen, habe allerdings gemerkt, dass meine „Kunden“ mehr Zeit hatten und gerade das haben meine Kollegen und ich gespürt. Dadurch hatten wir sehr viel mehr Arbeit, als geplant.
    Was ich an deinem Text nicht so ganz verstehe ist, dass du Texte vorbereitet hast. Ich blogge schon Jahre. Texte vorbereitet habe ich allerdings noch nie. Sie kommen bei mir aus dem Bauch. Was mich heute beschäftigt wird aufgeschrieben. Deshalb nenne ich meinen Blog auch Gedankenablade. Ich schreibe um die Gedanken abzulegen und Platz für neue Dinge zu machen.
    Das kann natürlich jeder machen, wie er will.
    Texte vorzubereiten habe ich allerdings noch nie gelesen.

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    1. Desi sagt:

      Ich habe auch jeden Tag gearbeitet, wenn auch nur ein paar Stunden. In 100% Kurzarbeit war ich nur zwei Wochen. Trotzdem denke ich, dass es geholfen hat runterzukommen.

      Ich schreibe meine Texte auch spontan, sobald mir ein Gedanke in den Kopf kommt. Viele dieser Texte existieren also einfach schon, da ich sie irgendwann einmal niedergeschrieben habe. Da ich vorher aber keine Plattform zum veröffentlichen habe, werde ich jetzt nach und nach ein paar davon hier einbauen. Daher sind diese Texte vorbereitet 😉

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